Freie Informationen um jeden Preis?
Wie Spiegel Online heute berichtet, wurde zum Schutz des durch die Taliban in Afghanistan entführten NY Times-Reporters David Rohde ein umfassendes Zensur-Programm in die Wege geleitet. So wurden u.a. alle großen Büros der NY Times angewiesen, nicht über diesen Vorfall zu berichten.
Ebenfalls änderten Kollegen von David Rohde dessen Wikipedia-Eintrag, stutzten Informationen über Christentum-bezogenens Engagement und hoben Islam-bezogenes Engagement hervor. Alles um ihn in einem guten Licht dastehen zu lassen und seinen Marktwert nicht unnötig zu erhöhen. Natürlich regte das den Ärger der Wikipedia-Community, doch Wikipedia-Gründer Jimmy Wales höchstselbst griff ein, um die Maskerade bis zur Befreiung des entführten Reporters aufrecht zu erhalten.
SpOn kommt daraufhin in dem Artikel zu dem Schluss, dass die Selbstkontrolle ein Segen der "alten" Medien ist, da es ihnen viel leichter gefallen ist, die Informationen vorzuenthalten, als bspw. Wikipedia, wo viele Menschen unabhängig voneinander gemäß dem Wiki-Prinzip an einem Artikel arbeiten und eine Manipulation viel schwerer bzw. nicht zu koordinieren ist. Weiterhin könnten die "alten" Medien Informationen vorenthalten, um Menschen zu schützen, sei es zum Beispiel im Falle eines in Not geratenen Prominenten.
Mir kommen die Tränen. Was SpOn — möglicherweise zu unserem(?) Schutz — vorenthält, ist die Tatsache, dass diese Medaille wie jede andere zwei Seiten hat. Die Veröffentlichung von Informationen unterliegt in den meisten Fällen dem Kalkül, und so wundert es nicht, dass besonders in Wahlkampfzeiten plötzlich wie aus dem Nichts kompromittierende Informationen über Politiker auftauchen, die ansich schon Jahre alt sind, z.B. Informationen über frühere Arbeitgeber oder sexuelle Orientierungen.
Von daher ist das Wiki-Prinzip schon sympathischer, wo Manipulationen theoretisch von der Community identifiziert werden und der Zeitpunkt der Veröffentlichung von Informationen nicht zwingend dem Kalkül einzelner unterliegt.
Dies soll natürlich nicht heißen, dass ich professionelle, redaktionelle Inhalte nicht zu schätzen wüsste. Auch bin ich nicht sicher, ob es sinnvoll ist, den hohen Idealen des Wiki-Prinzips einen Menschen zu opfern. Die Welt ist eben nicht schwarz-weiß, man muss ständig abwägen. Aber wie SpOn die gute, alte Presse beweihräuchert, geht dann doch zu weit. Zum Glück gibt es ein Korrektiv in Form von Blogs und Wikis.
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